Kinder und Kunst
Submitted by Marielle on Din, 15/01/2008 - 10:20am
Künstlerische Selbsterfahrung bei Kindern
Ich bin der Auffassung, dass künstlerische Selbsterfahrung für Kinder wichtig und Einsicht gebend ist (wie für Erwachsene übrigens auch). Sie erfahren sich aus dem Blickwinkel des Objektes, welches durch sie selbst geformt wird – und es wirkt auf sie zurück. Man kann sich diese Wirkung als eine unendliche Spiegelung vorstellen, wie 2 Spiegel die einander gegenüber aufgestellt werden, nur das hier in jeder Spiegelung etwas neues auftreten kann, was vorher nicht bewusst gesehen wurde.
Die Rückwirkung besteht dadurch, dass das geformte Objekt immer veränderbar ist. Die Möglichkeit der eigenen Veränderungskraft und deren Wirkung auf das Objekt/die Umwelt zu erkennen und deren Rückwirkung auf das selbst, hilft Kindern ihre (Aus-)Richtung zu erkennen und zu reflektieren, sie zu ändern und zu praktizieren. Das will sagen, sie können sich auf spielerische Weise ihrer gegenwärtigen Position und deren Implikationen bewusst werden, ohne sich notwendigerweise direkt mit vielleicht schmerzhaften Umständen auseinandersetzen zu müssen.
So hilft künstlerische Selbsterfahrung einerseits bei freier Assoziation (nach Freud) und auch bei der Kontaktaufnahme zu (innerlich und äußerlich/durch die Gesellschaft erfahrenen)Archetypen (nach Jung), sowie der Kategorisierung von Um- und Innenwelt, welche ich als die in der Chaostheorie vorkommende ordnende Kraft sehe, Diese kann sich gerade durch ihre relative Beweglichkeit dem Neuen öffnen und doch erkennbare Strukturen hervorbringen, die dem Gefühl für Sicherheit gerecht werden, welches befriedigt werden will.
„Sich ein Bild machen“ ist nicht umsonst eine weit verbreitete Redewendung
Im englischen gibt es z.B.: „Do you get the picture?“ als Frage ob jemand verstanden hat was gemeint ist; oder das deutsche „jemanden ins Bild setzen“, d.h.: informieren, oder genauer mit der Information umgeben, so das er sie von seinem Standpunkt aus erfassen kann.
Das Gestalten, hilft einerseits dabei sich selbst zu positionieren, einen Raum einzunehmen etwas von dort aus zu tun und zu verändern, verbunden mit dem „sich gehen lassen“, „etwas sein lassen“
Eine Linie- ein Bild –sich, so sein lassen wie es oder man halt gerade ist (in diesem Zusammenhang verweise ich auch auf Eckhard Tolle), Impulse sein lassen, d.h. ausleben und auch dann Aggression sein lassen im doppelten Sinne einerseits ausleben, etwa durch zerreißen oder durchkritzeln, und durchleben, sich damit vertraut machen als Teil der gegenwärtigen Ausrichtung, dann zu neuem übergehen, neue Entwürfe ausprobieren ohne den Anspruch der Perfektion, nachdem aufgestaute Wut und Aggression endlich ausgelebt werden durfte ohne negative Sanktionen.
Gerade dies ist für mich die große Freiheit der Kunst, sie bietet einen sehr weit gefassten Rahmen, jeder der etwas auszudrücken hat kann sich ihrer bedienen um dies zu tun.
Bei der Künstlerischen Selbsterfahrung ist der Prozess im Vordergrund so ähnlich wie bei Schamanisch- künstlerischen Prozessen, die z.B. Beuys mit seinem künstlerischen Wirken praktizierte.
So kann das Kind durch erkennen seiner Gestaltungskraft, durch finden der eigenen Position, durch Kategorisierung von Welt und durch „sein lassen“ Neues erfühlen – sich öffnen für Zusammenhänge und Ganzheiten, jedoch auch Grenzen ziehen wenn nötig und lernen diese klar zu vertreten. Kindern wird so ein Weg des Lernens eröffnet auf dem sie ihr Leben in dieser Welt mit Phantasie organisieren: Dies verleiht ihnen den was ihnen den nötigen Freiraum um die die Flexibilität zu entwickeln sich auf Umstände einzustellen und diese soweit möglich nach ihren Vorstellungen zu gestalten, wobei sie beides Realität und Phantasie in Kontakt halten. An diesem Punkt kann die Erwachsene Person begleitend mitwirken, indem sie, wenn der Prozess ins Stocken gerät, mögliche Brücken aufzeigt, bzw die „Hand reicht“ zum Kontakt. Dies kann auch im gestalten gemeinsamer Bilder geschehen.
Die Gestaltung solcher Übungen richtet sich günstigerweise auf die konkrete Konstellation der Gegebenheiten, Beispiele sind z.B.: das Schnörkelspiel von Winnicott als Kontaktaufnahme und Übungen von Gertraud Schottenloher um nur einen kleinen Ausschnitt zu nennen.
Der Magische Brückenschlag gelingt dem Bild, dadurch, dass es Gegensätze vereinen kann. Mit anderen künstlerischen Prozessen und dessen Produkten verhält es sich möglicherweise ähnlich, so z.B.: beim gestalten mit Ton.
Dies hängt mit der Verringerung der „Aufprallsanktionen“ (wenn die Gegensätze aufeinander treffen) zusammen, die die Kunst als Rahmen bietet. So wird der Selbsterfahrung ein großes Stück Angst genommen und Sicherheit vor Strafe geboten Ursache und Wirkung können klarer zugeordnet werden
Bilder sind immer dazu da sich ein Bild von Welt zu machen.
Sich ein Bild machen ist für mich die Vorstufe von begreifen, welches einen Begriff formt also vollzieht sich hier der Übergang von Position zur Ordnung des, die Position umgebenden.
Dieses Bild kann ein inneres Gefühlsbild sein wie auch ein Bild der äußeren Welt – sie sind verbunden. Unsere Bilder von Welt sind immer durch uns selbst geprägt: durch unsere Physiologie. Jeder Körper ist anders und sieht anders, denn wir sehen mit allen Sinnen und diese laufen alle zusammen wo das Bild entsteht. Durch unsere eng mit der Bildentstehung verknüpfte Psyche, durch kulturelle Prägung sowie Seelische Aspekte wozu ich auch Spuren vorheriger Existenzen zähle.
Zudem sind Sichten auch äußerliche Einwirkungen veränderbar, etwa durch tragen einer Sonnenbrille, einer Burka, das sitzen im Rollstuhl, Blindheit, Taubheit, Einnahme von Drogen oder anderen auf die Wahrnehmung einwirkenden Faktoren, die die Sinne anders lenken als es ohne sie der Fall wäre (dies sind nur Beispiele nicht notwendigerweise Aufforderungen zum Ausprobieren aller aufgezählten Aspekte) oder Situationen die Zustände von Harmonieungleichgewicht verursachen (z.B.: tiefe Trauer, heiße Wut, überschäumende Freude).
Eigentlich sieht also niemand genau das gleiche Bild, selbst wenn sie dasselbe betrachten.
All dies trägt zu unserer Positionierung bei, die durch die Kunst erkannt werden kann, dadurch dass wir die Perspektive wechseln und durch das Material sprechen.
Besonders Kinder können durch den künstlerisch spielerischen Perspektivwechsel noch stark in die Gestaltung ihrer eigenen Biografie einwirken, da sie noch an deren Anfang stehen und durch diesen Umstand mehr Raum für Experimente haben. Hier sind die Sorgetragenden und sonstige auf sie wirkende Personen aufgefordert und müssen einbezogen werden, denn sie sind die Wächter dieses Freiraumes, eine Art Schutzmechanismus.
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Ich habe in diesem Text bewusst auf spezifische Literaturangaben verzichtet und schlage vor die von mir erwähnten Namen einfach in einer Suchmaschine einzugeben und zu schauen was dabei herauskommt. Inspirierende Momente wünscht
Marielle Lansink
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